
Die Publikation

Geplant ist ein Buch mit mehreren Teilen: In einem ersten, erzählenden Teil wird die Geschichte von Alois und Käthy zwischen 1926 und 1934 nachgezeichnet. Darin eingefügt sind zwei kurze Schaufenster, eines über das Thema Auswanderung aus der Schweiz, das andere über die ökonomische Situation in den 1920er- und 1930er-Jahren. Eingebettet in diesen wie die folgenden Teile wird eine Auswahl der Fotos, die den Briefen beigelegt wurden.
Im zweiten, dem Hauptteil, werden die Briefe präsentiert, allerdings angesichts der Fülle nicht alle – das würde den Rahmen des Buches sprengen –, sondern eine chronologisch fortlaufende, repräsentative Auswahl. In Anmerkungen werden heute schwer- oder unverständliche Wörter, Dialektausdrücke und Wendungen erklärt. Obwohl die Briefe bereits transkribiert vorliegen, wird die Abschrift nochmals mit den Originalen verglichen und nach einheitlichen Richtlinien ediert. Es besteht die Überlegung, ob das Konvolut der Briefe, Karten und Fotos mit zusätzlichem Material vollständig auf einer Website zugänglich gemacht werden soll.
Möglicherweise gibt es noch einen dritten Teil, in dem die beiden noch lebenden Kinder von Alois und Käthy sowie die Enkelin zu Wort kommen sollen.
Das Buch soll im Frühling 2027 erscheinen - im Verlag "Hier und Jetzt".
Herausgeber und Autorin

Wolfram Schneider-Lastin, (* 1951) studierte Schauspiel, Germanistik, Geschichte, Altphilologie und Kunstgeschichte an den Hochschulen Stuttgart, Tübingen, Wien und Rom. 1984 promovierte er an der Universität Tübingen in Germanistik mit einer Edition der Salzburger Predigten 1512 von Johann von Staupitz. Seit 1988 lebt er in der Schweiz. Er ist Inhaber der Firma swissedit. Satz wissenschaftlicher Editionen und Publikationen, ausserdem verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Librarium. Als Schauspieler ist er an Bühnen im In- und Ausland engagiert und hat sich vor allem mit literarischen Lesungen einen Namen gemacht.
Herausgeberschaften/Editionen/Beiträge (Auswahl): Die Badener Disputation von 1526. Hg. mit Alfred Schindler, Kommentierte Edition des Protokolls, Zürich 2015; Bibliophilie. 33 Essays über die Faszination Buch, (Hg.) Weinfelden 2021 (darin: Ein Fund und seine Folgen); Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Grosseltern (Hg.), Zürich 2024 (darin: Der Kobus); Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten (Hg.), Zürich 2026 (darin: Eingemauert, Die getrennten Brüder); Am Bahnsteig. Geschichten von Ankunft und Abschied (Hg.), Zürich 2026
Susann Bosshard-Kälin (1954) ist freie Journalistin und Sachbuchautorin. Sie wohnt in Egg bei Einsiedeln. Als Initiantin, Herausgeberin und Autorin hat sie an verschiedensten Publikationen im In- und Ausland mitgewirkt.
Bei Hier und Jetzt sind 2014 «Beruf Bäuerin» und 2018 «Im Fahr. Die Klosterfrauen erzählen aus ihrem Leben» erschienen, zur Geschichte der Auswanderung «Nach Amerika. Lebensberichte von Schweizer Auswanderern» zusammen mit Leo Schelbert (Limmat 2014), «Westwärts – Begegnungen mit Amerika-Schweizerinnen» (eFeF 2010) sowie «Einsiedeln anderswo – Präsenz eines Innerschweizer Dorfes in der amerikanischen Stadt Louisville», Kentucky (einsiedeln-anderswo 2019). Sie erhielt 2023 den Kulturpreis des Bezirks Einsiedeln.
Die Besonderheit

Die Korrespondenz ist vollständig erhalten und in jeder Hinsicht einzigartig.
Liebesbriefe über weite Entfernungen waren damals nichts Ungewöhnliches. Aussergewöhnlich ist hier, dass sich die Beziehung zwischen Alois und Käthy in den Briefen selbst entfaltet. Die beiden kannten sich kaum. Nur wenige Stunden nach ihrem näheren Kennenlernen am Klausenmarkt-Abend wurden sie bereits wieder getrennt. Während sechs Jahren blieben Briefe und Karten ihre einzige Verbindung. Telefonate waren nicht möglich, persönliche Begegnungen ebenfalls nicht. Ein Brief zwischen der amerikanischen Westküste und der Innerschweiz war meist mehr als zwei Wochen unterwegs. Antworten trafen entsprechend spät ein, Missverständnisse liessen sich nicht sofort klären, Unsicherheiten blieben oft wochenlang bestehen. Wer einen Brief absandte, musste warten – geduldig, manchmal auch bange –, bis endlich eine Antwort eintraf. Ging ein Brief verloren, konnte dies das Verhältnis ernsthaft belasten.
Die Briefe gewähren einen seltenen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt zweier junger Menschen aus einfachen Verhältnissen in der Innerschweiz gegen Ende der 1920er- und zu Beginn der 1930er-Jahre. Sie besitzen neben dem persönlichen jedoch auch einen bedeutenden zeitgeschichtlichen und kulturhistorischen Quellenwert. Sie entstanden nicht mit dem Ziel, später einmal veröffentlicht oder ausgewertet zu werden. Alois und Käthy schrieben füreinander. Sie berichten von ihrem Leben, ohne sich bewusst als Zeitzeugen zu verstehen. Dadurch entsteht eine Unmittelbarkeit, die den Briefen ihre besondere Aussagekraft verleiht.
Für die schweizerische Auswanderungsgeschichte sind die Briefe ein wertvolles Dokument. Alois gehört zu jener Generation, die noch in der Hoffnung auf Arbeit und wirtschaftlichen Aufstieg nach Nordamerika auswanderte. Zwar waren die grossen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts längst abgeebbt, doch verliessen auch in den 1920er-Jahren weiterhin zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer ihre Heimat. Alois schildert diesen Schritt mitten aus dem Geschehen heraus. Seine Briefe erzählen vom Alltag auf verschiedenen Farmen in Washington und Kalifornien. Sie berichten von harter körperlicher Arbeit, langen Arbeitstagen, dem Melken grosser Viehbestände sowie von Löhnen und Arbeitsbedingungen. Zugleich vermitteln sie ein anschauliches Bild der engen Beziehungen innerhalb der schweizerischen Auswanderergemeinschaft. Immer wieder begegnen Landsleute aus Schwyz und der Innerschweiz, Verwandte, Freunde oder Bekannte aus der alten Heimat. Dadurch entsteht ein anschauliches Bild jener sozialen Netzwerke, die vielen Auswanderern den Start und das Leben in der Fremde erleichterten.
Ebenso eindrücklich spiegeln die Briefe die wirtschaftlichen Umbrüche jener Jahre. Während Alois zunächst von guten Verdienstmöglichkeiten berichtet, wandelt sich der Ton seiner Briefe nach dem Börsenkrach von 1929 spürbar. Lohnkürzungen, unsichere Arbeitsverhältnisse und die Sorge um die Zukunft treten immer stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig erfährt Käthy in der Schweiz von Entlassungen, Stellenmangel und wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit. Ohne je allgemeine Betrachtungen anzustellen, zeigen die Briefe, wie sich die Weltwirtschaftskrise im Leben einzelner Menschen auswirkte.
Darüber hinaus gewähren Käthis Briefe einen Einblick in das Leben einer jungen katholischen Frau in der Innerschweiz: ihre Arbeit als Serviertochter, ihre Stellung innerhalb der Familie, ihre Freizeitgestaltung, die gesellschaftlichen Erwartungen und die eigenen Vorstellungen von Beziehung und Ehe. Gerade diese scheinbar beiläufigen Mitteilungen machen den besonderen Reiz der Korrespondenz aus.



